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Jeffrey Sachs: Europas strategischer Irrtum – Warum die anti-russische Haltung selbstzerstörerisch ist (Westend, 2026)

Veröffentlicht am November 3, 2026November 3, 2026 by Hartmut Dreier
Buchrezension · Ulrich Duchrow

Europas strategischer Irrtum – Warum die anti-russische Haltung selbstzerstörerisch ist

In seiner Rezension für AMOS setzt sich Ulrich Duchrow mit Jeffrey Sachs’ Buch über die europäische Russlandpolitik und die Perspektiven einer gesamteuropäischen Sicherheitsordnung auseinander.

Besprochenes Buch
Jeffrey Sachs: Europas strategischer Irrtum – Warum die anti-russische Haltung selbstzerstörerisch ist. Frankfurt: Westend, 2026.
Rezension: Ulrich Duchrow, für AMOS

Dieses Buch sollten alle Europäer lesen. Es zeigt, wie viele negative Entwicklungen heute überwunden werden könnten durch eine andere Politik gegenüber Russland als die, die wir von den USA seit der Wende akzeptiert haben. Diese Politik hat allerdings tiefe historische Wurzeln. Sachs zeigt in fünf differenziert dargestellten Akten, wie Politik in Europa in entscheidenden Momentenseit dem 19. Jahrhundert antirussische Politik betrieben hat – mit sehr negativen Folgen für alleBeteiligten, auch für Europa selbst.

Den Begriff Russophobie versteht Sachs nicht kulturell, sondern als „strukturelles Vorurteil imsicherheitspolitischen Denken“ (14), nämlich als die „Weigerung Europas, russischeSicherheitsinteressen als legitime Gegenstände diplomatischer Aushandlung anzuerkennen“ (16). Natürlich hat Russland sich auch selbstverschuldete Wunden zugefügt – und ebenso auch anderen,am bekanntesten im Zusammenhang von Stalins Terror und Gulag. Bei dieser berechtigtenFeststellung wird aber meistens unterschlagen, welche Gewalt westliche imperiale Staaten im Laufder Geschichte – bis hin zum Völkermord – angewendet haben.

Es gibt nach Sachs vier Mechanismen, die bei der strukturellen Russophobie in Europazusammenspielen: 1. Die Geographie: Russland ist seit Napoleon mehrfach von westeuropäischenNachbarn angegriffen worden, zuletzt von Hitlerdeutschland, was zu 27 Millionen getötetenMenschen führte. Es braucht deshalb einen gewissen Sicherheitsabstand von Westeuropa. Diesesaber sieht den östlichen europäischen Nachbarn als außerhalb von Europa. Ja, 2. wird Russland zumzivilisatorischen „Anderen“. 3. Im Kampf um Hegemonie wird Russland als Vormacht gefürchtet.4. Die Sicherheitsfrage wird moralisiert: Russland wird als „gesellschaftlich rückständig, politischdespotisch und in besonderer Weise aggressiv dargestellt“ (35).

Diese Beziehungsstruktur wird nach Sachs in einem 1. Akt deutlich im 19. Jh. durchGroßbritanniens „Umdeutung Russlands vom Partner im Konzert der Mächte zur zivilisatorischenGefahr“ (43ff.). Angesichts des Niedergangs des Osmanischen Reiches fürchtete Großbritannienangesichts seiner Interessen in Asien und im Nahen Osten, dass Russland im Nahen Osten dieVorherrschaft gewinnen könnte. Denn dieses war dort traditionell die Schutzmacht für dieorthodoxen Kirchen. So griffen Großbritannien und Frankreich in Auseinandersetzungen zwischenRußland und Osmanischem Reich ein und kämpften von 1853 bis 1856 den Krimkrieg, umRussland zu schwächen – in einer erste moderne Kriegsführung als Materialschlacht. Danachschlossen sie Russland von der europäischen Sicherheitsordnung aus. Russland selbst zog aus derNiederlage bedeutende Konsequenzen für Reformen: Aufholen der technischen Rückständigkeitdurch Militärreform und Industrialisierung, Abschaffung der Leibeigenschaft und Justizreform. Außerdem erweiterte es sein Reich in Richtung Zentralasien, wobei Großbritannien gleich wiedersein Feindbild verschärfte, als ob Russland Indien erobern wollte. Was Deutschland betrifft, so warBismarcks Politik der Machtbalancen mit gegenseitigem Respekt eine rühmliche Ausnahme. Abergleich nach seiner Entlassung kehrte Wilhelm II. zur Russophobie zurück und erwog sogar einen„Präventivkrieg“ gegen die angebliche russische Bedrohung.

Akt II reicht von der russischen Revolution bis Hitler. Hier intervenierten die Westmächte undJapan von 1919 bis 1922 in den russischen Bürgerkrieg auf der Seite der Konterrevolution. AuchLenins Neue Ökonomische Politik (NEP) mit marktwirtschaftlichen Elementen wurde nicht alsChance für Handelsbeziehungen genutzt. Aus der Nachkriegsordnung (Versailles usw.) wurde nichtnur Deutschland, sondern auch Russland ausgeschlossen – gegen die Ratschläge von Keynes, der zueiner kooperativen Wirtschafts- und Sicherheitspolitik riet, ohne die es keine Versöhnung undkeinen Frieden geben könne.

Akt III, der Aufstieg Hitlers und das Scheitern der europäischen Ordnung zeigt, wie recht er hatte. Hitlers Absichten waren klar: „Ablehnung des Versailler Vertrags, Wiederaufrüstung, territoriale Expansion, Rassenkrieg…und die Zerschlagung des Bolschewismus“ (120ff.). Die sowjetischeFührung reagierte mit Diplomatie und dem Versuch, eine Architektur der kollektiven Sicherheit imSinn des Völkerbunds aufzubauen. Als Deutschland nicht mitmachte, versuchte sie,antifaschistische Beistandsverträge zu entwickeln – ebenso wie militärische Stabsgespräche in denKoalitionen und Vereinbarungen über Transit und Koordination. Leider fand sie keine Resonanz.„Monarchisten, Reaktionäre und Nationalisten in ganz Europa sahen im deutschen Faschismus eineerträgliche oder gar wünschenswerte Alternative zum sowjetischen Kommunismus.“ Polenverweigerte die Zusage der Transitrechte für sowjetisches Militär im Fall eines deutschen Angriffs. Die Westmächte ließen Hitler in der Tschechoslowakei gewähren. Die beiden aus der europäischenSicherheitsarchitektur Ausgeschlossenen schlossen sogar den Molotow-Ribbentrop-Pakt, womit dieSU Zeit gewinnen wollte für die Rüstung gegen den zu erwartenden Krieg. Dann folgte das für dieSU fürchterliche Opfer von 27 Millionen Opfern, allerdings mit dem Ergebnis des seit Stalingradeingeleiteten Sieges über Hitlerdeutschland.

Trotzdem entscheidet sich der Westen in Akt IV für den Kalten Krieg gegen die SU – ganz gegenden Plan des US-Präsidenten Roosevelt, der einen inklusiven Frieden in einer kooperativenNachkriegsordnung anstrebte. Sein Nachfolger Truman machte eine Kehrtwende unter dem EinflussKalter Krieger wie der Brüder John Foster und Allen Dulles, die als Außenminister bzw. CIA-Chefwirkten. In diesem Kontext kam es dann zur Teilung statt Neutralität Deutschlands und zur TeilungEuropas in Ost und West, zum Koreakrieg und dem nuklearen Wettrüsten. Dieses hätte in derKubakrise fast zu einem Atomkrieg geführt, wenn nicht John F. Kennedy zusammen mit NikitaChruschtschow eine kurze Zwischenphase der Entspannung, gegenseitiger Sicherheit und derAbrüstung (1962-63) eingeleitet hätten. Die Gegenkräfte, nach Sachs und wissenschaftlicherForschung höchstwahrscheinlich vor allem die CIA, organisierten die Ermordung Kennedys undkehrten zum Sicherheitsstaat und Kalten Krieg zurück (vgl. TALBOT, David: The Devil'sChessboard. Allen Dulles, the CIA, and the Rise of America's Secret Government. New York:Harper, 2015.). Eine zweite Chance brachte die neuen Ostpolitik von Willy Brandt und Egon Bahr(164-1979). Sie führte 1975 zur Schlussakte von Helsinki im Rahmen der Konferenz für Sicherheitund Zusammenarbeit in Europa (KSZE). Sie enthielt die Zusammenfügung von Sicherheit undMenschenrechten unter Einbeziehung der legitimen Sicherheitsinteressen der SU. Mit derPräsidentschaft von Reagan in den USA erfolgte eine neue Eskalation. Vor allem aber lockte dieUSA mit ihrer Unterstützung der Mudschaheddin in Afghanistan die SU in die Falle einermilitärischen Intervention. Das war die Einleitung des Zusammenbruchs der SU.

In Akt V lehnt Europa auf der Basis der US-Strategie der unilateralen Hegemonie das dadurchmöglich gewordene Friedensangebot Gorbatschows ab. Dieser Ausnahmepolitiker ermöglichtezwischen 1989 und 1991 die Wiedervereinigung Deutschlands und die Selbstbestimmung für dieosteuropäischen Länder – unter der verbindlichen Zusage der US- und deutschen Regierungen, dieNATO nicht nach Osten auszudehnen. Zugleich bot er an, das System der Gemeinsamen Sicherheit(OSZE) auszubauen zu einem gemeinsamen „Europäischem Haus“ unter Einschluss gemeinsamerWirtschaftsstrukturen. Aber die USA fürchtete die Bildung eines unabhängigen Pols und setzte allesauf die Strategie, die unilaterale Hegemonie zur eigenen Machterweiterung auszubauen –insbesondere auch durch die Ausweitung der NATO gen Osten. Dies ist klassisch beschrieben indem Buch von Zbigniew Brzezinski: Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft. Frankfurt: S. Fischer, 1997. Ziel ist „die Beherrschung des euro-asiatischen Markts“. Dazu dientendann auch weitere Kriege – gegen Afghanistan, Serbien, Irak – sowie antirussische Regime-ChangeOperationen durch Farbrevolutionen wie in Georgien und der Ukraine. Obwohl Russland mehrfachgewarnt hatte, dass die Übernahme der Ukraine die rote Linie darstellen würde, betrieben die USAden NATO-Beitritt, nur halbherzig aufgeschoben durch Frankreich und Deutschland mit Minsk Iund II, die, wie Merkel und Hollande später zugaben, nur Zeitgewinn für die Aufrüstung derUkraine bieten sollte. Der Autor will damit nicht den Angriffskrieg Russlands im Februar 2022rechtfertigen, aber erklären. Und die ursächliche Rolle des Westens wird noch einmal ins Lichtgerückt durch die dokumentierte Verhinderung eines fast fertigen Friedensvertrags im April 2022 durch die USA und Großbritannien. Das Ergebnis ist nicht nur Millionen von getötetenUkrainerInnen und RussInnen, sondern gravierende Wohlstandsverluste für ganz Europa.

Im Epilog zeigt Sachs konkrete Wege auf, wie der Krieg beendet werden kann – nach dem Modellder deutsch-französischen Versöhnung nach dem 2. Weltkrieg. Die OSZE bietet die Alternative zurNATO-zentrierte Sicherheit. Gegenseitige Anerkennung und Legitimität sind die Grundlageinklusiver Sicherheit. Das nukleare Risiko, das heute höher denn je ist, kann durch erneuerteAbrüstungsverträge kontrolliert werden. Die wirtschaftlichen Kosten der Militarisierung könnenwieder gesenkt und die Wohlstandsgewinne seit der Nachkriegszeit, die z. Zt. verloren gehen,können wieder zurückgewonnen werden. Mit der OSZE haben wir eine Struktur inklusiverSicherheit, die Frieden bringen kann.

All dies ist von Sachs sorgfältig dokumentiert und mit Argumenten begründet. Dazu gibt esEinblicke in seine persönliche Rolle auf höchster Ebene. So hat er als Berater der polnischenRegierung mit anderen erreicht, dass durch westliche finanzielle Unterstützung derTransformationsprozesses vom Kommunismus zur Marktwirtschaft sozial abgefedert und sehrerfolgreich stattfinden konnte. Als er dasselbe für Russland vorschlug, lehnten dies die USA ab. Durch die Schocktherapie und die durch den Westen beförderte Korruption führte dieTransformation hier zu schweren sozialen Verwerfungen, so dass bei der russischen BevölkerungGorbatschow als Verliere und sie als Opfer wahrgenommen wurde. Europa sollte aufwachen undsich von der US-Hegemonialpolitik befreien und seine eigene gesamteuropäische Friedensordnungentwickeln. Dazu hilft dieses Buch.

Autor der Rezension: Ulrich Duchrow
Hinweis: Die politischen und historischen Bewertungen geben die Position des Rezensenten wieder.

Amos

erscheint aus guten Gründen seit 1968 im Ruhrgebiet

Ist seit 1968 widerborstig und unabhängig.

Eine der wenigen noch präsenten Streitschriften aus dem herrschafts-kritischen, linken Zusammenhang der letzten Jahrzehnte und der Gegenwart

Regional und global, interkulturell, religionssensibel im „Konziliaren Prozess zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“.

Bringt alle drei Monate 24 Seiten, mit dem Blick von links-unten, aus der Sicht auch von Jüngeren.

Es sind kritische Beiträge zu den wichtigen Themen in einer für „Strukturwandel“ beispielhaften Region wie das Ruhrgebiet, geschrieben von engagierten Autorinnen und Autoren.

ABO: 20 € jährlich mit 4 Ausgaben Kostenloses Probeexemplar oder Abo bestellen bei KONTAKT.

Im gleichen Sinn haben wir den AMOS-Verein, s. bei KONTAKT.

Übrigens: „Wer sagt: ‚Hier herrscht Freiheit‘, der lügt; denn Freiheit herrscht nicht“. Erich Fried (1921 – 1988)

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