Menschenwürde, Kapitalismus und Weltordnung: Sechs Buchrezensionen
Sechs Bücher, sechs Perspektiven auf Fragen von Menschenrechten, wirtschaftlicher Macht, sozialer Gerechtigkeit, Theologie und internationaler Politik. Prof. em. Ulrich Duchrow setzt sich mit den Werken von Hans Joas, Sven Beckert, Wolfgang Kaleck, Franz Segbers, Jörg Rieger und Mohssen Massarrat auseinander.
- Hans Joas: Universalismus – Weltherrschaft und Menschheitsethos
- Sven Beckert: Kapitalismus: Geschichte einer Weltrevolution
- Wolfgang Kaleck: Die Stärke des Rechts vs. Das Recht des Stärkeren
- Franz Segbers: Vor der Sintflut. Christliche Option für einen erneuerten Sozialismus zur Rettung des Lebens
- Jörg Rieger: Theologie im Kapitalozän. Ökologie, Ökonomie und Solidarität
- Mohssen Massarrat: Anatomie der US-Hegemonie. Vom amerikanischen Zeitalter zur multipolaren Welt
Universalismus – Weltherrschaft und Menschheitsethos
Rezension: Ulrich Duchrow
Dies ist ein außergewöhnliches Buch. Es umspannt 3000 Jahre mit detaillierten wissenschaftlichen Erörterungen und stellt gleichzeitig die (Über-)Lebensfragen der Menschheit heute. Die Schlüsselthese lautet: „Da das Ideal der gleichen Würde aller Menschen sich keineswegs als organische Entwicklung moralischer Vorstellungen herausgebildet hat, sondern eine schöpferische Reaktion auf politische Weltherrschaftsansprüche ist, bleibt sein Schicksal prekär und wird dieses Schicksal auch weiterhin vom Umgang mit den Kämpfen um Weltherrschaft abhängig sein“ (895).
Die Entstehung der frühesten Formen von moralischem Universalismus sieht J. in der von Karl Jaspers so genannten Achsenzeit von ca. 800-200 v.u.Z. Hier formierten sich Religionen und Philosophien in Eurasien, die einerseits die Universalität der Imperien aufnehmen, dies aber kritisch gegenüber der politischen Macht tun: israelischer Monotheismus (Propheten), griechische Vernunftethik (Platos Philosophenkönige), die universalistische Aufladung kultureller Wertmuster in China (Konfuzius), die ethische Askese in Indien (Buddha). Das Christentum als Radikalisierung des universalistischen Potentials des antiken Judentums ist die zweite Welle, gefolgt später vom Islam.
Die Imperien fordern aber die Religionen und Philosophien nicht nur zu kritischen Reaktion heraus, sondern nutzen diese auch als Ideologie für ihren imperialen Universalismus. Klassische Beispiele dafür sind die Imperialisierung des Christentums durch Kaiser Konstantin am Anfang des 4. nachchristlichen Jahrhunderts und der imperiale Konfuzianismus der Han-Dynastie. Als 410 Rom vom Gotenkönig Alarich erobert wurde und sich das Römische Reich seinem Ende zuneigte, rettete der Kirchenvater Augustinus den Universalismus, ohne ein Imperium oder die Kirche zu sakralisieren (De civitate Dei). Ebenso überlebte der Buddhismus den Zusammenbruch des Maurya-Reichs von Kaiser Ashoka. Im Mittelalter geht es dann um „organische Sozialethik“, aber auch um die Frage der Sakralisierung von Herrschern. Dante entwickelt in dem Zusammenhang die Vorstellung einer Universalmonarchie.
In der frühen Neuzeit gibt es eine doppelte Herausforderung des Universalismus durch die neue Art der Staatsbildung im Sinn von Machiavellis Entmoralisierung der Macht und durch neu entdeckte Völker. Im Blick auf letztere wird der Kampf Bartholomé de las Casas für die Menschenrechte der Indigenen ausführlich gewürdigt, ebenso die beispielhafte Jesuitengemeinschaft in Paraguay.
Die amerikanische und französische Revolution im 18. Jahrhundert und die Frage ihres Verhältnisses zu Religion und Rationalismus werden in ihrer Zweideutigkeit für die Menschenrechte dargestellt – auch in ihrem Verhältnis zur Globalgeschichte. Sie sind ein besonders wichtiges Kapitel des moralischen Universalismus. Das gilt trotz des Fehlens der Gleichberechtigung von Frauen und Sklaven. In diesem Zusammenhang ist die Sklavenrevolution in Haiti wichtig.
Zentral ist das Kapitel 8 zum totalitären Staat des Nationalsozialismus als Versuch, mit Gewalt jeden moralischen Universalismus zu zerstören, und zur Entstehung einer transnationalen Menschenrechtsordnung als Reaktion darauf (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte). Martin Luther King und die amerikanische Bürgerrechtsbewegung sind die Antwort auf weißen christlichen Rassismus. Der gewaltfreie Widerstand gegen koloniale Unterdrückung und Kastenwesen findet seinen reinsten Ausdruck in Gandhis Unabhängigkeitsbewegung in Indien. Besonders hervorzuheben sind dabei seine interreligiösen Bemühungen.
Mao Zedong wird als der große Widerspruch zwischen säkularer universaler Utopie ohne Sakralität der Person und gewaltsamer Vernichtung aller Religion dargestellt. Die Frage nach dem Verhältnis des Islam zum moralischen Universalismus ist komplex, aber der antikoloniale Kampf und wichtige Figuren wie Muhamad Iqbal mit seinen interreligiösen Versuchen weisen klar in diese Richtung.
Im Schlusskapitel wird die Bedrohung der Menschheit durch nuklearen Krieg und die Gefährdung der außermenschlichen Lebewesen hervorgehoben. Sie ruft heute nach einem Universalismus ohne Imperialismus.
Nur einmal (S.79) wird im Zusammenhang der Achsenzeit die Frage aufgeworfen, ob nicht auch die Fragen des „Handels, des Geldes und des Münzwesens“ behandelt werden müssten. Das wird dann aber abgelehnt mit dem Hinweis, dass der historische Materialismus diese Frage diskreditiert habe durch die These, alle Entwicklungen seien durch die ökonomischen Entwicklungen determiniert. Damit blendet J. einen gesamten Forschungsbereich aus, in dem nachgewiesen wurde, wie die Verwandlung des gemeinschaftlichen Wirtschaftens in eine Geldvermehrungswirtschaft nicht nur den expansiven Charakter der Imperien beeinflusst hat, sondern wie sie die sozialen Spaltungen und die Individualisierung der Mentalität hervorrief, auf die die achsenzeitlichen Philosophien und Religionen zentral antworteten.¹ Durch diesen historischen Mangel versäumt er auch systematisch, die zentrale Bedeutung des Kapitalismus für seine Fragestellung nach dem moralischen Universalismus heute zu thematisieren. Denn der kapitalistische Grundansatz, alles Wirtschaften auf die Profitmaximierung zur Kapitalakkumulation auszurichten, erzeugt den Wachstumszwang, der vor allem durch die von ihm verursachte Klimakatastrophe die Lebensbedingungen der Menschheit zerstören wird, wenn der Kapitalismus nicht durch eine Wirtschaft im Dienst des Lebens überwunden wird.²
So würde ich Hans Joas einladen, zu diesem Thema einen ebenso hochqualifizierten 2. Band zu seinem beeindruckenden 1. Band hinzuzufügen.
¹ Vgl. SEAFORD, Richard: Money and the Early Greek Mind. Homer, Philosophy, Tragedy. Cambridge: Cambridge University Press, 2004; GRAEBER, David: Schulden: Die ersten 5000 Jahre. Stuttgart: Klett-Cotta, 2012; BRODBECK, Karl-Heinz: Die Herrschaft des Geldes. Geschichte und Systematik. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, (2009) 2012; DUCHROW, Ulrich: Gieriges Geld: Auswege aus der Kapitalismusfalle – Befreiungstheologische Perspektiven. München: Kösel, 2013. (http://ulrich-duchrow.de/wp-content/uploads/2017/02/0000-Buch-Gieriges-Geld-komplett-9783466370696.pdf).
² Vgl. DUCHROW, Ulrich: Mit Luther, Marx und Papst den Kapitalismus überwinden. Hamburg u. Frankfurt/Main: VSA und Publik-Forum, 2017; ders. Gerechtigkeit, Frieden, (Über)Leben. Erfahrungen, Kämpfe und Visionen in der weltweiten Ökumene. Hamburg: VSA, 2025.
Kapitalismus: Geschichte einer Weltrevolution
Rezension: Ulrich Duchrow
Es ist unmöglich, ein so großes Werk von fast 1300 Seiten in einer kurzen Rezension angemessen zu würdigen. Dies ist ein Standardwerk, das auf bewundernswerte Weise klare große Zusammenhänge und eine ungeheure Sammlung von Anschauungsmaterial aus allen Kontinenten über 1000 Jahre hinweg verbindet.
Teil I zeigt die Entstehung des Kapitalismus: Seit dem 12. Jahrhundert. Er beginnt mit der globalen Vernetzung von Kapitalakkumulationsinseln durch islamische Händler. Ein Zentrum ist Aden an der Südküste der arabisch Halbinsel, das indische und ägyptische, zunehmend auch chinesische, afrikanische und auch europäische Hafenstädte miteinander verbindet. Durch die Kreuzzüge wächst die europäische Beteiligung weiterer Handels- und Bankstädte wie Genua, Venedig und Florenz. Die Weltreligionen Islam, Konfuzianismus, Buddhismus und Christentum begleiten diese Entwicklung kritisch, besonders im Blick auf Wucher (Zinsnehmen) – wie schon in der Achsenzeit angesichts der vorkapitalistischen Geldvermehrungstendenzen (vgl. http://ulrich-duchrow.de/wp-content/uploads/2017/02/0000-Buch-Gieriges-Geld-komplett-9783466370696.pdf). Einen Riesenschub erhielt der Handels- und Bankkapitalismus ab 1492 durch das Bündnis der oberitalienischen Städte, besonders Genuas mit den spanischen und portugiesischen Staaten zur Ausplünderung Lateinamerikas – z.B. des Goldes und Silbers (z.B. aus Potosi/Peru). Es entstanden auch neue Institutionen wie Aktiengesellschaften. Der Staat bekam eine zunehmende Bedeutung, inklusive seiner militärischer Gewalt (Merkantilismus). Von 1550 bis 1750 kam es zu einer dramatischen Umgestaltung der Landwirtschaft von der bäuerlichen zur mit Sklaven betriebenen Plantagenwirtschaft. Ab den 1640er Jahren wurde z.B. die Insel Barbados in der Karibik zu einer großen Zuckerplantage. Überall wurden die Allmenden durch Einzäunungen zu Privatbesitz, der auf Kapitalakkumulation ausgerichtet war. Arbeitskräfte wurden außer durch Versklavung auch durch Vertragsknechtschaft enteigneter Bauern oder zunehmend Lohnarbeit gewonnen. Von 1600 bis 1750 wurde auch die industrielle Produktion intensiviert – vor allem durch die Webindustrie für Textilien, aber auch durch Minen, Brauereien, Gerbereien usw. Insgesamt bezeichnet B. diese Phase als „Kriegskapitalismus“.
Ab Mitte des 18. Jahrhunderts (1760-1850) beginnt dann der große Sturm des Industriekapitalismus (Teil II). Sein Aufstieg begann zunächst durch eine enorme Intensivierung der Baumwollindustrie in Fabriken, gekoppelt mit Kolonialhandel, am deutlichsten sichtbar in Glasgow/Schottland. Lohnarbeit nahm zu, Frauen und Kinder wurden als Arbeitskräfte eingesetzt. Die Profite und das Wirtschaftswachstum stiegen sprunghaft. Ein weiterer Faktor war die Ausbreitung der Eisenbahn in Verbindung mit der wachsenden Kohleindustrie. Dazu kam die Maschinenbauindustrie und insbesondere die Entwicklung der Dampfmaschine. Der britische Staat unterstützte all dies intensiv.
Die Industrialisierung hatte aber noch die andere Seite in Form der Eroberung ländlicher Räume (1780-1860) – mit Enteignung des Landes, besonders der indigenen Völker, Intensivierung der Sklaverei und des Raubbaus von Rohstoffen mit großen ökologischen Schäden, sowie Kommerzialisierung der Landwirtschaft. Nur eine Revolution dagegen war erfolgreich, die der Sklaven in Haiti im Anschluss an die Französiche Revolution, aber ihr Anführer Toussaint Louverture wurde von Napoleon ermordet.
In den Jahren 1830-1880 wurde der Kapitalismus zu einer Zivilisation, die alle Aspekte des Lebens durchdrang: Das Geld wurde zu Gott. Das Kapital konzentrierte sich auf die Produktion, nicht mehr vorwiegend auf Handel und Finanzen. In dieser Zivilisation vertiefte sich die Ungleichheit und es bildeten sich die bürgerliche und proletarische Klasse mit ihrer jeweiligen Kultur heraus, der Imperialismus verschärfte sich zusammen mit Rassismus. Gleichzeitig entstand eine intensive Kapitalismuskritik, zunächst bei den religiösen Sozialisten wie Henri de Saint Simon, Wilhelm Weitling oder Pierre-Joseph Proudhon, dann unter dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit bei Marx und Engels.
Im gleichen Zeitraum brachen Aufstände und Krisen aus. Die Rebellionen erfassten alle Bereiche der Wirtschaft und der Weltregionen: nicht nur die Weber und ArbeiterInnen aus allen Bereichen der Industriearbeit rebellierten, sondern auch die Bauern und antikoloniale Bewegungen.
All dies führte zu einer globalen Neuordnung des Kapitalismus (Teil III) – zunächst des Kapitals 1870-1914. Die Schwerindustrie wurde zum neuen Motor (Stahl, Eisenbahn, Kohle, Elektrizität und Chemie), organisiert in Aktiengesellschaften. Ökologischer Raubbau wurde systemisch. Spätestens seither sollte man von Kapitalozän sprechen, dessen Zentrum im kolonialistischen Europa lag. Produktion und Handel wuchsen atemberaubend. Komplexere und gigantischere Maschinen wurden entwickelt. Monopole entstanden. Kapital und nationale Politik rückten noch näher zusammen. Die Neuordnung der Arbeit vollzog sich zwischen 1870 und 1920 – mit neuen Methoden der Rekrutierung, Überwachung und Bindung. In der Landwirtschaft wurde Sklavenarbeit durch Vertragsknechtschaft und Lohnarbeit, in den Kolonialgebieten auch durch Zwangsarbeit ersetzt. In der Industrie wuchs das Massenproletariat. Die Arbeitsprozesse in den Fabriken wurde rationalisiert und maschinisiert (Taylorismus). Die Arbeiterschaft organisierte sich in klassenbewussten Gewerkschaften, besonders zu machtvollen Streiks, und auch in politischen Parteien. Sie entwickelte auch postkapitalistische Inseln wie Genossenschaften und Kulturprogramme. Auch der Nationalstaat entfaltete neue Macht zur Einhegung des Kapitals, aber auch der Arbeiterschaft, und verschärfte z.T. noch die Einhegungen in den Kolonien. Diese Phase endete mit dem 1. Weltkrieg.
Die Jahre 1918 bis 1945 überschreibt Beckert mit dem Titel „Zeit der Monster: der Industriekapitalismus“. Sie begannen mit weltweiten Aufständen, sozialen und antikolonialen. Fiat in Turin und Ford in Detroit entwickelten die Automassenproduktion. Die große Weltwirtschaftskrise 1929 beendete die klassische liberale Phase des Kapitalismus. Es gab verschiedene Reaktionen. Es begann die faschistische Weise, den Kapitalismus zu verteidigen. Die zukunftsfähige Reaktion ist mit dem Namen John Maynard Keynes und seiner sozial regulierten Marktwirtschaft verbunden. Politisch entspricht dem Roosevelts New Deal und die schwedische sozial-demokratische Wirtschaft.
Mit den 50er Jahren führte die Entkolonialisierung zur nachholenden Industrialisierung in vielen Ländern des globalen Südens, z.B. in Indien, Ägypten, Senegal, Brasilien, Mexiko, Korea, Taiwan. Dabei wählten verschiedene Länder den Sozialismus. Insgesamt ist die Zeit von 1945-1973 geprägt von der sozialen Zähmung des Industriekapitalismus mit großen Wohlstandsgewinnen. 1973 zeigten sich verschiedene Krisen – Öl, Steuerflucht, Arbeitslosigkeit, Inflation usw. Es folgten verschiedene Rebellionen: der Kapitalbesitzer für Deregulierung, der Frauen gegen die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, der MigrantInnen für Inklusion, der Studierenden gegen Imperialismus, der Umweltbewegung gegen die ökologischen Folgen des „Goldenen Zeitalters“.
Gibt es nach dem Neoliberalismus und seiner Krise (1973-2008) noch eine Zukunft des Kapitalismus (Teil IV)? Die Demontage des Sozialstaats begann mit dem von USA (speziell Außenminister Henry Kissinger) mit vorbereiteten Militärputsch Pinochets gegen Allende in Chile am 11. September 1973. Sofort wurde der fertige Plan für neoliberale Deregulierung und Privatisierung von den „Chicago Boys“, den chilenischen Schülern von Milton Friedmann, umgesetzt und die Arbeiterbewegung mit Gewalt entmachtet. Das theoretische Konzept dafür war von langer Hand von kapitalergebenen Ökonomen wie Friedrich Hayek in der Mont Pélerin Society vorbereitet worden. Von hier breitete sich der Neoliberalismus auf dem ganzen Globus aus (Globalisierung), bekannt vor allem durch Margret Thatcher in Großbritannien und Ronald Reagan in den USA. Ein weiterer Umbruch erfolgte mit dem Zusammenbruch des bürokratischen Sozialismus in der Sowjetunion und Osteuropa mit dem Ergebnis der Schocktherapie. Schon vorher hatte sich China vom Maoismus gelöst und durch Deng Xiaoping eine marktwirtschaftliche Wende vollzogen – allerdings weiterhin kontrolliert von der kommunistischen Partei und daher mit viel sozialeren Ergebnissen nach dem Motto „den Weg beim Gehen zu finden“. Im Westen war das Ergebnis eine extreme wachsende Spaltung der Gesellschaft in arm und reich. 2010 besaßen in den USA die obersten 1% 40% des Vermögens. 2008 platzte die Finanzblase und die Welt hätte eine schlimmere Version der Weltwirtschaftskrise erlebt, hätten nicht die Regierungen massiv Steuergelder in die Rettung der Banken investiert.
Gibt es eine Zukunft? Inzwischen lebt die Hälfte der Weltbevölkerung am Existenzminimum. Gleichzeitig besitzen die 500 Reichsten so viel wie diese ärmere Hälfte. Immer mehr Reichtum und Macht sammelt sich in immer reicheren Firmen (Oligarchie). Diese Zerstörung der sozialen Kohärenz ist auch die Ursache für die politische Entwicklung nach rechts. Gleichzeitig hat das ungleiche Wachstum das ökologische Gleichgewicht zerstört – sichtbar vor allem am lebensgefährlichen Klimawandel. Die Schäden bezahlen vor allem die, die sie am wenigsten verschuldet haben. Es gibt zwar eine kritische Gegenbewegung zur neoliberalen Orthodoxie, sowohl in der Wirtschaftswissenschaft wie in sozialen Bewegungen, aber noch nicht mit politischem Erfolg.
Das Buch endet mit der offenen Frage, wie es weitergehen kann. Konkret werden keine Alternativen im oder jenseits des Kapitalismus aufgezeigt. Dazu muss man zu anderen Büchern greifen wie z.B. Thomas Piketty: Für einen ökologischen Sozialismus. München: C.H.Beck, 2025. Beckerts Buch bietet einen unglaublichen Reichtum an historischen großen Zusammenhängen, klaren Analysen und konkreten Beispielen.
Autor: Sven Beckert ist als deutsch-US-amerikanischer Historiker Laird Bell Professor of History an der Harvard University.
Ulrich Duchrow, Prof. em. für Syst. Theologie und Sozialethik, Universität Heidelberg; Ehrenvorsitzender des ökumenischen Basisnetzwerkes Kairos Europa.
Die Stärke des Rechts vs. Das Recht des Stärkeren
Rezension: Ulrich Duchrow
Hochaktuell ist dieses Buch angesichts der Gefährdung des Völkerrechts und der Menschenrechte nicht etwa nur durch „die anderen“, sondern auch durch den Westen, allen voran die Regierungen der USA und Israels, toleriert von Regierungen in Europa, insbesondere Deutschland. Nicht, dass früher die Rechtsordnung völlig gerecht gewesen wäre. Ausdrücklich thematisiert K., dass trotz der großen Fortschritte im Völkerrecht nach dem 2. Weltkrieg die Ordnung immer auch von den Wirtschafts- und Großmachtinteressen mitbestimmt war. Aber in den letzten Jahren hat sich die Lage sehr verschlechtert, so dass Strategien des Widerstandes und der Alternativen dringend nötig sind.
Ausgehend von seinen eigenen weltweiten Erfahrungen als Menschenrechtsanwalt stellt K. zunächst die ambivalenten Entwicklungen im 20. Jahrhundert dar und präsentiert dann die positiven Errungenschaften des Völkerrechts und der Menschenrechte. Grundlegend sind die UN-Charta (1945) und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1948), deren gewaltverhütende Wirkung allerdings durch die Vetomöglichkeiten der Großmächte und die fehlenden Sanktionsmöglichkeiten eingeschränkt ist. Außerdem gibt es die Genfer Konventionen zur Einhaltung des humanitären Völkerrechts in Kriegen. Sie werden aber ständig verletzt und sind inzwischen zusätzlich durch KI-Waffen gefährdet. Jedenfalls sind die drei Generationen der Menschenrechte ein großer Fortschritt und zu verteidigen: die klassischen Bürger- und Freiheitsrechte, der Sozialpakt von 1966 mit der Garantie der Grundversorgung, sowie die kollektiven Rechte auf Selbstbestimmung (1960), Entwicklung (1979), Frieden und eine intakte Umwelt. Weitere Konventionen betrafen die Rechte von Menschen mit Behinderungen, indigenen Völkern und das Recht auf Trinkwasser.
Im 21. Jahrhundert nahm der Internationale Gerichtshof (IGH) an Bedeutung zu, aber die Institutionen der UN wurden durch die USA geschwächt. Immerhin leistet die Generalversammlung der Vereinten Nationen dagegen Widerstand. Frauenrechte wurden gestärkt, aber nach wie vor gibt es patriarchale Rückschläge. Das Völkerstrafrecht und der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) wurden gestärkt, stehen aber zunehmend unter Druck der US-Regierung. Zu seiner Stärkung spielt die Zivilgesellschaft eine zentrale Rolle, wie am Beispiel des Prozesses gegen den chilenischen Militärdiktator Pinochet gezeigt wird. Auch nutzen NGOs und soziale Bewegungen die Rechtsordnung, um Unternehmen zur Einhaltung der Menschenrechte zu zwingen (s. Lieferkettengesetz). Auch im Zusammenhang des Klimaschutzes gab es wichtige rechtliche Fortschritte. Aber ihre Umsetzung ist nur durch Kampf der Basisbewegungen gegen die Machtinteressen von Staaten und Unternehmen zu erreichen.
Seit 2020 fordern globale Krisen das Völkerrecht heraus. Die Corona-Pandemie traf vulnerable Gruppen besonders hart. Reiche Staaten und Firmen übten „Impfstoffapartheid“ statt Solidarität. Afrika wird weiter geplündert. Ungeachtet der Rolle des Westens bei der Vorgeschichte ist Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine ein flagranter Bruch der UN-Charta. Putin wird zwar vom IStGH per Haftbefehl gesucht, der aber bislang aber nicht vollstreckt werden konnte. Das Gleiche gilt für Netanjahu wegen seiner Verantwortung für Kriegsverbrechen und Völkermord in Gaza. Besonders wichtig ist hier, dass Südafrika den IGH angerufen hat, während der Westen sogar Waffen an Israel liefert. „Die Kluft zwischen dokumentierten Verbrechen und mangelnder Ahndung macht Gaza zum Symbol für die Ohnmacht des Völkerrechts und schwächt seine Glaubwürdigkeit weltweit“ (S. 151). Dass Europa nicht klar den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Israels und der USA gegen den Iran verurteilt, schwächt die Völkerrechtsordnung weiter. US-Präsident Trump vollzieht eine offene Abkehr von Völkerrecht und Menschenrechten – nicht nur international, sondern auch innenpolitisch, u.a. im Blick auf Migration und Meinungsfreiheit. Aber auch Europa und Deutschland operieren „ohne klaren Kompass“. Besonders Deutschlands Staatsräson zur Unterstützung Israels wird dazu missbraucht, auch dessen Völkerrechtsverbrechen zu verteidigen, und schadet dem Ansehen unseres Landes international. Auch verhindert D. bisher die Aussetzung des EU-Assoziierungsabkommen mit Israel. Da zwei Drittel der israelischen Wirtschaft auf der Verbindung mit Europa beruhen, könnte die Aussetzung Israel zwingen, den Palästinenser ihre Rechte zurückzugeben. Auch in der Migrations- und Asylpolitik bricht die deutsche Regierung das Recht. Nur ein Europa, das Völkerrecht und Menschenrechte achtet, kann glaubwürdig sein.
Ohne eine starke Zivilgesellschaft wären viele Fortschritte nicht möglich gewesen. „Eine starke, unabhängige und global vernetzte Zivilgesellschaft ist unverzichtbar, um Völkerrecht und Menschenrechte auch künftig zu sichern und weiterzuentwickeln“ (S. 195). Dazu bietet das letzte Kapitel konkrete Utopien und Reformpotenziale. Auch tritt es für eine gerechte und ökologisch nachhaltige Weltwirtschaftsordnung ein. Das Buch schließt mit dem Satz: „An der Vision des Schönen, Guten und Gerechten festzuhalten, ist kein Luxus. Es ist eine zwingende Antwort auf die Herausforderungen der Gegenwart“.
Das Buch ist eine große Hilfe für alle, die sich nicht der Macht beugen und dafür arbeiten wollen, dass unsere Kinder und Enkelkinder noch eine Zukunft haben.
Wolfgang Kaleck ist als Rechtsanwalt Generalsekretär des European Center for Constitutional and Human Rights e. V. (ECCHR). Er vertrat u.a. Gefangene in Guantánamo und Abu Ghraib, sowie den Whistleblower Edward Snowden gegen die US-Regierung.
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Ulrich Duchrow, Prof. emer. für Syst. Theologie und Sozialethik, Universität Heidelberg; Ehrenvorsitzender des ökumenischen Basisnetzwerkes Kairos Europa.
Vor der Sintflut. Christliche Option für einen erneuerten Sozialismus zur Rettung des Lebens
Rezension: Ulrich Duchrow
Dieses Buch sollten (mindestens) alle TheologInnen und SozialistInnen lesen. Warum? Weil es eine lange Vorurteilstradition gibt, die Christentum und Sozialismus als Gegensätze darstellt. Segbers beweist das Gegenteil: Der Sozialismus ist aus der biblischen Tradition hervorgegangen und ChristInnen sollten angesichts der Herrschaft des sozial und ökologisch zerstörerischen Kapitalismus daran mitwirken, mit einem zu erneuernden Sozialismus das Leben von Menschen und Erde zu retten.
Angesichts der heutigen Vielfachkrise hat Michael Brie angeregt, erneut einen Blick auf die frühen Sozialisten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu werfen. Ihr Vorteil gegenüber späteren Entwicklungen des Sozialismus ist, dass sie zwar konkret über die materiellen Schritte der Einführung einer gerechteren Gesellschaft nachdenken, aber dabei immer über Erreichtes und zu Erreichendes hinaus denken. Das wurde ihnen später als Utopismus vorgeworfen.
Die gegenwärtige Vielfachkrise ist vor allem durch die Koppelung von extremer wachsender Ungleichheit und Klimakatastrophe bestimmt. Das oberste 1% der Bevölkerung ist z.B für mehr klimaschädliche Emissionen verantwortlich als die untere Hälfte der Weltbevölkerung Deshalb sollte man das gegenwärtige Zeitalter nicht Anthropozän, sondern Kapitalozän nennen. „Die kapitalistische Profit- und Wachstumswirtschaft ist systemisch zerstörerisch“ und kann deshalb keinen Ausweg bieten.
Die Begründer des Sozialismus sind französische Christen wie z.B. Abbé Lamennais und Abbé Constant zwischen 1840 und 1848. Sie sahen das Wesen des Christentums in der Gemeinschaft (communauté). Darum verstanden sie sich als communistes. Dazu nahmen sie die Trias Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit aus der französischen Revolution, wendeten sich aber gegen deren Verbürgerlichung durch die Identifikation von Freiheit und Privateigentum. Sie wurden verfolgt und auch inhaftiert, wurden dann aber vor allem dadurch verdrängt, dass Marx und Engels die Begründung des Kommunismus durch Religion ablehnten („ von der Utopie zur Wissenschaft“).
Das trifft auch den ersten deutschen Befreiungstheologen und Kommunisten Wilhelm Weitling, der als wandernder Schneidergeselle in Paris religiöse Sozialisten kennen gelernt hatte. Es ist ein besonderes Verdienst des Buches, seinen Beitrag zu Bibelexegese und zum Aufbau des kommunistischen „Bundes der Gerechtigkeit“ ausführlich zu würdigen. Dabei spielen Gleichheit und Solidarität als Grundlage der Freiheit die zentrale Rolle. Seine Kritik am kapitalistischen Eigentum bringt auch ihm Verfolgung ein.
Der Ursprung des Christentums ist bekanntlich kommunistisch, was die Gütergemeinschaft der Urgemeinde zeigt (Apg 2), die angesichts der Realität im Römischen Reich für das verarmte Volk attraktiv war. Insofern ist es falsch, wenn der leitende Sozialdemokrat Bebel sagt: „Christentum und Sozialismus stehen sich gegenüber wie Feuer und Wasser“. Das stimmt zwar für die Kirche, die sich an die feudale und bürgerliche Klasse angepasst hatte. Aber schon um die Jahrhundertwende gab es den Sozialdemokraten Christoph Blumhardt und in den 1920er Jahren die Religiösen Sozialisten in der Schweiz und Deutschland. Seit den 1950er Jahren gab es den christlich-marxistischen Dialog, zuerst in der Marxismus-Kommission der Evangelischen Studiengemeinschaft (später FEST genannt), dann mit dem 2. Vatikanischen Konzil auch in der katholischen Kirche. Besonders spannend entwickelte sich das Thema in den DDR-Kirchen („Kirche im Sozialismus“) bis hin zu Heino Falckes Begriff „verbesserlicher Sozialismus“.
Dann kritisiert Segbers, dass LWB, RWB und ÖRK bei ihrer Verwerfung des imperialen Kapitalismus im gesamtökumenischen konziliaren Prozess (1983-2013) Sozialismus und Klassenfrage nicht als Alternative ansprechen. Dazu ist zu sagen, dass es dazu schon in den 1970er Jahren einen weltweiten Prozess gab¹ und inhaltlich in den alternativen Konzepten „Alternative Globalisierung im Dienst von Menschen und Erde“ (AGAPE) und „Wirtschaft im Dienst des Lebens“ die Fragen der Klasse und Befreiung angesprochen werden. Auch arbeiten alle genannten Organisationen seit 2013 z.B. an dem Programm einer neuen Internationalen Finanz- und Wirtschaftsarchitektur (NIFEA).² Schließlich wird in vielen Dokumenten die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und sozialen Bewegungen betont.
Dann folgt die ausführliche Begründung für „die christliche Option für den Sozialismus“: „Humanität, Gerechtigkeit und die Rettung des Lebens“. Dabei ist natürlich keine Realisierung von sozialistischen Errungenschaft zu identifizieren mit dem Reich Gottes, das immer über alles menschlich Machbare hinaus reicht. Die Beziehung ist also eine dialektische – immer in der Perspektive von Gleichheit, Solidarität und Freiheit. Eine besondere Gabe an die Arbeitenden aller Zeiten ist die biblische Tradition des Sabbats, des Sabbat- und Jobeljahrs mit wöchentlicher Ruhe sowie periodischer Befreiung von Schulden, Sklavenarbeit und Ausbeutung der Erde.
Die heute unbedingt nötige Transformation braucht dringend den Kompass für einen ökologischen, demokratischen und partizipativen Sozialismus. Dazu hilft die biblische Ökonomie des Genug und der Solidarität. Gemeinsam ist der Katastrophenkapitalismus zu überwinden.
Unmöglich, den Reichtum dieses Buches so kurz zusammenzufassen. Darum: „Nimm und lies“.
¹ Vgl. LUTHERAN WORLD FEDERATION/DEPARTMENT OF STUDIES, ed. Gerd Decke: The Encounter of the Church with Movements of Social Change in Various Cultural Contexts (with special reference to Marxism). Geneva: Lutheran World Federation, 1977; Lutheran World Federation/Pro mundi vita: Christianity and the New China. South Pasadena, Ca.: Ecclesia Publications, 1976.
² Vgl. https://www.oikoumene.org/resources/documents/6th-meeting-of-the-ecumenical-panel-on-a-new-international-financial-and-economic-architecture-nifea-communique; https://wcrc.eu/nifea-panel-calls-for-radical-economic-and-ecological-transformation/. S. auch DUCHROW, Ulrich: Alternativen zur kapitalistischen Weltwirtschaft – Biblische Erinnerung und politische Ansätze zur Überwindung einer lebensbedrohenden Ökonomie. Gütersloh/Mainz: Gütersloher Verlagshaus/ Matthias Grünewald-Verlag (1994), 1994, 1997 2. Aufl.; ders., Gerechtigkeit, Frieden, (Über)Leben. Erfahrungen, Kämpfe und Visionen in der weltweiten Ökumene. Hamburg: VSA, 2025.
Theologie im Kapitalozän. Ökologie, Ökonomie und Solidarität
Rezension: Ulrich Duchrow
Dieses Buch behandelt die (Über-)Lebensfrage der Menschheit: das kapitalistische Weltwirtschaftssystem, seine sozialen und ökologischen Folgen sowie mögliche Alternativen. Das Besondere daran ist allerdings die Reflexion darüber, welche Rolle dabei Kirchen und Theologie spielen und vor allem spielen könnten. Dazu dienen nach einer Einführung vier Kapitel.
In der Einführung wird zunächst klargestellt, dass der Begriff Anthropozän für unser Zeitalter nicht korrekt ist. Es sind nicht die Menschen, die es bestimmen, sondern die kleine Gruppe derer, die mit ihrem Kapital die Weltwirtschaft kontrollieren. Rieger schreibt, dass „Probleme ‚nicht entstehen, weil einige Leute reich sind, sondern weil der private Profit und die Macht des Kapitals die obersten Prioritäten im Wirtschaftssystem sind‘. Die kapitalistische Wirtschaft, nach gegenwärtigem Recht, ist ausschließlich dem Profit der Aktionär:innen gewidmet, der seit über hundert Jahren das einzige Erfolgskriterium ist…Alles in allem bestimmt der Profit für Elitegruppen weiterhin die Arbeitsverhältnisse…Alles in allem muss die Klassenanalyse… ein Verständnis von Klasse im Sinn von Arbeitsbeziehungen annehmen, in denen immer extremere Profite und Machtunterschiede produziert und reproduziert werden“ (S. 58).
Das 1. Kapitel zeigt dann, dass dabei nicht nur die 99% arbeitende Bevölkerung negativ betroffen sind, sondern auch die außermenschliche Natur. Das zeigt schon eine einfache Zahl: 71 % des globalen CO₂-Ausstoßes sind auf die Interessen von nur 100 Konzernen zurückzuführen. Natur und Arbeit gehören zu den „billigen Dingen“, deren Preis gedrückt wird, um die Profite für das Kapital zu erhöhen. Auch das Christentum hat mit Anthropozentrismus zur Mitweltzerstörung beigetragen. Es gibt zwei theoretische Paradigmen zur Erklärung des Problems: Tretmühle der Produktion (TdP) und Ökologische Modernisierung (ÖM). Letzteres sieht fälschlicherweise den Kapitalismus durch reformistische Modernisierung rettbar. Es geht aber darum, das unendliche Wachstum und Gewinnmaximierung des Kapitalismus als System zu stoppen und durch Alternativen zu ersetzen. Das ist durch gemeinsame Produktion und Reproduktion sowie gemeinsames Eigentum möglich, wie Beispiele zeigen.
Das 2. Kapitel zeigt, wie die Ungerechtigkeiten im Blick auf Rasse, Geschlecht und Klasse durch eine relationale Klassentheorie verstanden und überwunden werden können. D.h. es geht hier nicht um neutrale Schichtungen, sondern um asymmetrische Machtbeziehungen zwischen Dominierenden und Beherrschten in den Arbeits-, Geschlechter- und Ethnobeziehungen. Besonders wichtig ist, dass die Mittelklasse versteht, dass Ihr eigenes Interesse mit dem der Unterklasse verbunden und damit auch geschützt ist. Die Orientierung an der Elite ist eine Illusion. Damit ändern sich nicht nur Lebensweisen sondern auch Gottesbilder und Theologie.
Im 3. Kapitel geht es um die (Un-)Möglichkeit einer Tiefen Solidarität. Dabei wird eine progressiv linke und befreiungstheologische sowie intersektionelle Position eingenommen (im Blick auf Geschlecht, Rasse und Klasse). D.h. nicht nur die Politik, sondern die Wirtschaft muss demokratisiert werden. Im jetzigen System gilt „teile und herrsche“. Solidarität wird normalerweise nur innerhalb der eigenen Nation oder Klasse verstanden. Tiefe Solidarität muss mit der Analyse des Kapitalismus beginnen und zwar in materialistischen, nicht idealistischen oder moralisierenden Kategorien. Dabei ist natürlich nicht platter deterministischer Materialismus gemeint. Es gilt auch nicht, Privilegien aufzugeben, sondern darum, sie für das Bündnis mit den Unterklassen einzusetzen. Das entspricht Jesu Inkarnation für die Solidarität mit den Schwächsten.
Kapitel 4 behandelt die Relevanz und Irrelevanz der Theologie. Diese kann negativ relevant sein, wie das Beispiel der Deutschen Christen zeigt, die Hitler unterstützten. Oder wir sehen idealistische und moralisierende Theologien, die keine Praxis hervorbringen. Positiv relevante Theologie finden wir z.B. in lateinamerikanischen Befreiungstheologien, die aus der Praxis von Basisgemeinden hervorgegangen sind. Im Kapitalozän brauchen wir vor allem Theologien, die Community Organizing begleiten – wie schon Jesus und Paulus es praktiziert haben. Ein heutiges Beispiel sind Riegers Solidarity Circles im Wendland-Cook Programm Religion and Justice seiner Vanderbilt University.
Das Buch ist besonders für Deutschland wichtig, weil hier schon allein die Begriffe Kapitalismus und Klasse tabuisiert sind. Aber ohne diese wird verschleiert, dass nur eine systemische Transformation im Sinn einer Demokratisierung der Wirtschaft die Zukunft der Lebensbedingungen der Menschheit sichern kann.
Das war auch das Ergebnis des dreißigjährigen konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung von 1983 bis 2013.¹ In ihm verwarfen Lutherischer und Reformierter Weltbund, Ökumenischer Rat sowie Papst Franziskus den imperialen Kapitalismus und forderten eine Wirtschaft im Dienst des Lebens. Durch die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten sehen wir allerdings zusätzlich noch klarer, dass die übrige Welt sich von der imperialen Hegemonie der kriegstreibenden USA abkoppeln muss, um zukünftiges Leben zu sichern.²
¹ Vgl. DUCHROW, Ulrich: Gerechtigkeit, Frieden, (Über)Leben. Erfahrungen, Kämpfe und Visionen in der weltweiten Ökumene. Hamburg: VSA, 2025.
² Vgl. MASSARRAT, Mohssen: Anatomie der US-Hegemonie. Vom amerikanischen Zeitalter zur multipolaren Welt. Wien: Promedia, 2026.
Anatomie der US-Hegemonie. Vom amerikanischen Zeitalter zur multipolaren Welt
Rezension: Ulrich Duchrow
Wer die Krisen und Kriege von heute verstehen und Vorschläge für eine bessere Zukunft wahrnehmen will, muss zu diesem Buch greifen. Es ist unverzichtbar für alle, die Europa aus der Komplizenschaft mit den Kriegen der USA und der Beteiligung an der Ausbeutung des globalen Südens befreien wollen.
Kapitel 1 beschreibt den theoretischen Ansatz, die US-Hegemonie analog den Gesetzen eines gigantischen Monopolunternehmens zu verstehen, das sich auf Kosten anderer Privilegien sichert und so exorbitante Gewinne macht. Historisch grundlegend dafür war (Kap.2), die Kontrolle über den Öl-und Energiesektor zu gewinnen. Das begann damit, dass die CIA zusammen mit dem Geheimdienst der vorangehenden Hegemonialmacht England gegen den demokratischen Präsidenten Mossadegh 1953 putschte und so verhinderte, dass der die persischen Ölquellen nationalisiert wurden. So konnte die USA seither die Ölpreise für die Industrieländer niedrig halten. Dem gleichen Ziel diente nach der islamischen Revolution 1979 die US-Finanzierung des Irakkrieges gegen den Iran (1980-88), die US-Kriege gegen den Irak 2003 und Libyen 2011 bis zum heutigen Krieg gegen den Iran.
Der zweite Hebel, die Rohstoffe des globalen Südens zu Billigpreisen gegen die teuren Industriegüter des Westens zu tauschen, war die Einrichtung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank in Bretton Woods schon 1944. Die USA verhinderten damals, dass der Vorschlag von Keynes zu einer gerechten öffentlich kontrollierten Finanzordnung angenommen wurde. Demgegenüber funktionieren IWF und Weltbank nach dem Prinzip „One Dollar One Vote“, so dass der Westen die Politik bestimmen kann. Konkret: die Länder des globalen Südens müssen sich verschulden und für die Kredite Strukturanpassungsmaßnahmen (SAPs) durchführen, die die neokoloniale Weltarbeitsteilung aufrechterhalten. Dadurch betrug z.B. im Jahr 2021 der Werttransfer vom Süden zum Norden 17 Billionen (=17.000 Milliarden!) Dollar.
Eine weitere Dimension dieser Hegemonialpolitik der USA ist die Konfrontationspolitik, die mit dem Kalten Krieg begann (Kapitel 4). Statt Deutschland nach dem 2. Weltkrieg neutral wie Österreich zu reorganisieren, wurde es geteilt und mit der NATO ein riesiges Wettrüsten in Gang gesetzt, das dem militärisch-industriellen Komplex großen Gewinn einbrachte.
Nachdem die Entspannungspolitik der Sozialdemokratie den Kalten Krieg beendet hatte, setzte die USA alles daran, zu verhindern, dass das Europäische System der Gemeinsamen Sicherheit (OSZE) auch zu einem gemeinsamen Markt mit Russland entwickelt würde (Gorbatschows „Europäisches Haus“). Dieses Kapitel 5 ist besonders wichtig zum Verständnis der heutigen Situation, weil es klar zeigt, wie die USA das Versprechen an Gorbatschow brach, die NATO nach Osten erweiterte und die Ukraine gegen Russland militarisierte. So wurde der völkerrechtswidrige Krieg gegen die Ukraine provoziert. Als er nach wenigen Wochen durch die Vermittlung der Türkei im April 2022 hätte beendet werden können, sabotierte dies die USA. Das Ziel: Europa von Russland zu trennen, um keinen weiteren Machtpol in der Welt neben der unilateralen Hegemonie entstehen zu lassen.
Finanzieren können die USA ihre hegemoniale Kriegspolitik mit über 800 Militärbasen in der ganzen Welt dadurch, dass es ihnen gelungen ist, den Dollar als Weltwährung zu etablieren und zwar speziell über das Privileg, dass der Ölhandel in Dollar abgewickelt wird (Kap.6). Dadurch können die USA ihren Staatshaushalt grenzenlos überschulden, indem sie einfach Staatsanleihen verkaufen und so „Jahr für Jahr Billlionen Dollar Kaufkraft aus der ganzen Welt absorbieren“.
Den Mittleren Osten als zentrales Gebiet der Ölquellen kontrollieren sie mit Hilfe der Sub-Hegemonialmacht Israel (Kap. 7). D.h. die bedingungslose Unterstützung der Vertreibung und Unterdrückung des palästinensischen Volkes hat vor allem hier seinen Grund. Trump und der gemeinsame Angriff auf den Iran (für Bundeskanzler Merz die „Drecksarbeit“ für unsere Interessen) sind also nur der Höhepunkt einer langen Geschichte der Hegemonialpolitik der USA. Sie ist und bleibt die größte Gefahr für den Weltfrieden (Kap. 8).
Es gibt aber Ansätze für eine multipolare Welt, die es zu unterstützen gilt. Der Aufstieg der VR China mit der Befreiung von 800 Millionen Menschen aus der Armut und dem Aufbau von kooperativen internationalen Institutionen auf Augenhöhe wie BRICS und das Seidenstraßenprojekt sind Hoffnungszeichen (Kap. 9). M. kritisiert auch Fehler Chinas und Russlands wie die Unterdrückung der Meinungsfreiheit, aber strategisch gesehen ist die Multipolarität die Chance für die Zukunft. Sie kann durch kontinentale Unionen (wie Asean) und gemeinsame kontinentale Währungen verstetigt werden (Kapitel 10). Zentral sind aber vor allem Systeme Gemeinsamer Sicherheit in den Kontinenten (Kapitel 11). Auch eine Reform der UNO und des Sicherheitsrats könnten dadurch möglich werden. Ziel ist jedenfalls eine multipolare Welt, die kooperativ die Menschheitsprobleme zu lösen imstande ist, also vor allem die Überwindung von Hunger und Armut sowie die Verhinderung der Klimakatastrophe, die die Lebensbedingungen der Menschheit zerstört.
Dieses Buch sollte Pflichtlektüre in Schulen werden.
