Horst-Eberhard Richter neu gelesen: Vom „Gotteskomplex“ zur Kriegstüchtigkeit
In einem Beitrag für Pressenza greift der Publizist Manfred Böhm das Denken des Arztes, Psychoanalytikers und Friedensaktivisten Horst-Eberhard Richter (1923–2011) auf. Böhm sieht in Richters Analysen einen aktuellen Zugang zu den Debatten über Aufrüstung, „Kriegstüchtigkeit“ und das Verhältnis zu Russland.
Richter war selbst Soldat im Zweiten Weltkrieg und erlebte die Russlandfront. Auch die Ermordung seiner Eltern durch zwei sowjetische Soldaten nach Kriegsende führte bei ihm nach Darstellung des Autors nicht zu einer dauerhaften Feindseligkeit gegenüber Russland. Stattdessen beschäftigte er sich mit der psychologischen Entstehung von Feindbildern und setzte sich während des Ost-West-Konflikts für Verständigung und Dialog ein.
Eine zentrale Rolle spielt dabei Richters 1979 erschienenes Werk „Der Gotteskomplex“. Darin beschrieb er nach Böhms Darstellung einen psychologischen Mechanismus, bei dem Menschen ihre eigene Verletzlichkeit und Ohnmacht durch Vorstellungen von Kontrolle und Allmacht kompensieren. Der Autor überträgt dieses Konzept auf die heutige Sicherheitspolitik und sieht Parallelen in der Vorstellung, Sicherheit könne durch immer stärkere militärische Aufrüstung hergestellt werden.
Böhm erinnert außerdem an Richters Engagement in der Friedensbewegung. 1982 gehörte Richter zu den Mitbegründern der deutschen Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW). Die internationale Organisation erhielt 1985 den Friedensnobelpreis. Richter warnte insbesondere vor der Vorstellung, atomare Abschreckung und hochentwickelte Waffentechnik ließen sich dauerhaft rational kontrollieren.
Besonders kritisch setzt sich der Beitrag mit der gegenwärtigen Forderung nach „Kriegstüchtigkeit“ auseinander. Böhm interpretiert diese mit Rückgriff auf Richter als möglichen Prozess psychologischer Mobilisierung, bei dem komplexe Konflikte zunehmend in Kategorien von Gut und Böse betrachtet und Feindbilder verstärkt würden. Er warnt dabei insbesondere vor einer pauschalen Übertragung der Verantwortung staatlicher Akteure auf die Bevölkerung eines Landes.
Als Gegenmodell stellt der Autor Richters Konzept der „Friedensfähigkeit“ heraus. Diplomatie bedeute in dieser Perspektive nicht Schwäche, sondern die Fähigkeit, auch in zugespitzten Konflikten die Interessen und Ängste der Gegenseite wahrzunehmen und Gesprächskanäle offenzuhalten. Dauerhafte Sicherheit könne demnach nicht ausschließlich gegen einen Gegner, sondern müsse letztlich gemeinsam mit ihm geschaffen werden.
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