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Zum Anschlag auf CSD in Berlin

Veröffentlicht am Juli 30, 2026Juli 30, 2026 by Daniel Weidlich

Hinweis der Redaktion:
Nachfolgend veröffentlichen wir einen offenen Brief von Lars Repp, Vorstand der Amadeu Antonio Stiftung, zum Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day (CSD). Der Text wird im Wesentlichen unverändert dokumentiert.

Liebe*r Leser*in,

eine Frau geht auf den Berliner CSD, um unbeschwert dafür zu demonstrieren, dass queeres Leben in Sicherheit existieren darf – doch sie kehrt nie zurück, weil sie Opfer eines Anschlags wird. Ein Islamist rast in den Berliner CSD, mit dem Ziel, so viele Menschen wie möglich zu töten. 29 weitere Menschen wurden verletzt, einige von ihnen kämpften um ihr Leben. Glücklicherweise sind sie inzwischen außer Lebensgefahr.

Und es hätte noch viel schlimmer kommen können. Ich will mir gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn der Täter den Transporter nicht gegen einen Baum gelenkt hätte, sondern noch weiter in die zentrale Veranstaltungsmeile gerast wäre, wo Zehntausende ausgelassen feierten.

„Bist du sicher? Seid ihr sicher rausgekommen? Geht es dir gut?“ Viele unserer Kolleg*innen waren am Wochenende auf dem CSD und nach der Räumung gab es keine andere Frage mehr. Das darf und das sollte nicht so sein. Es ist der eine Tag im Jahr, an dem man sich einmal als queere Person in der Mehrheit akzeptiert und sich sicher fühlen darf. Viele aus der queeren Community fragen sich: Wie sicher sind wir noch? Und wer steht an unserer Seite?

Seit Jahren nimmt die Queerfeindlichkeit zu – und mit ihr die Gewalt. Das hat viel verändert: Der Blick über die Schulter ist ständiger Begleiter im Alltag. Manche nehmen gar nicht mehr an CSDs und Prides teil, aus Angst vor Hass und Gewalt. Doch gleichzeitig bröckelt der Schulterschluss der Demokrat*innen. Über die Jahre ist deshalb viel Vertrauen verloren gegangen.

Gerade jetzt braucht es klare Haltung: Der Anschlag war ein Angriff auf die queere Community. Und er richtet sich gegen unsere offene Gesellschaft, die Freiheit und Vielfalt garantieren und schützen soll.

Rechtsextreme, die sonst in vorderster Front gegen queeres Leben hetzen und regelmäßig gegen CSDs demonstrieren oder selbst angreifen, instrumentalisieren die Tat jetzt. Für sie ist der Täter der gefundene Anlass, um gegen Muslim*innen zu hetzen. Kommentarspalten werden geflutet mit rassistischen Hassparolen und Abschiebeforderungen. Doch das Problem ist nicht Religion, sondern islamistischer Extremismus. Wer jetzt pauschalisiert, spielt denen in die Hände, die unsere Gesellschaft spalten und unseren Zusammenhalt angreifen wollen.

Nach der Trauer kommt die Wut. Die Wut darüber, wie so etwas geschehen kann. Und die Wut darüber, wie schwer es Vielen selbst in dieser Situation fällt, das Wort „Queer“ oder „LGBT“ in den Trauerbekundungen zu benennen.

Was es jetzt braucht, ist Solidarität und Konsequenz. Alle Demokrat*innen müssen an der Seite der queeren Community stehen, sichtbar, entschlossen und ohne Relativierung. Es beginnt damit, Regenbogenflaggen nicht abzunehmen, sondern sie ganz bewusst zu hissen. Es geht aber vor allem darum, dass CSDs geschützt werden – nicht nur durch Polizei, sondern auch dadurch, dass Politiker*innen sich für CSDs einsetzen, selbst vor Ort Präsenz zeigen und Queerfeindlichkeit klar benennen.

All dies wird und kann solche Anschläge nicht verhindern. Aber es kann Betroffenen helfen, sich gesehen und wieder sicherer zu fühlen. Wir alle müssen in solchen Momenten zusammenstehen und stärker sein als der Hass.

Wenn Du kannst: Geh zu einem CSD oder besuche eine der Mahnwachen, die aktuell deutschlandweit stattfinden. Widersprich queerfeindlichen Parolen und rassistischen Vereinfachungen. Zeig Dich solidarisch und stell Dich an die Seite der Betroffenen. Denn zusammen sind wir weniger allein und zusammen sind wir etwas sicherer.

Meine Gedanken sind bei den Angehörigen der Ermordeten, den Verletzten, bei allen, die den Anschlag miterleben mussten, sowie bei der gesamten queeren Community und allen, die nach wie vor von dieser furchtbaren Tat betroffen sind.

In tiefer Trauer,

Lars Repp
Vorstand der Amadeu Antonio Stiftung

Quelle

Amadeu Antonio Stiftung: Offener Brief von Lars Repp zum Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day (CSD), August 2026.

Hintergrund: WDR, „Immer mehr Angriffe auf queere Community“, 26.07.2026.

Amadeu Antonio Stiftung
Karl-Marx-Allee 1
10178 Berlin

Amos

erscheint aus guten Gründen seit 1968 im Ruhrgebiet

Ist seit 1968 widerborstig und unabhängig.

Eine der wenigen noch präsenten Streitschriften aus dem herrschafts-kritischen, linken Zusammenhang der letzten Jahrzehnte und der Gegenwart

Regional und global, interkulturell, religionssensibel im „Konziliaren Prozess zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“.

Bringt alle drei Monate 24 Seiten, mit dem Blick von links-unten, aus der Sicht auch von Jüngeren.

Es sind kritische Beiträge zu den wichtigen Themen in einer für „Strukturwandel“ beispielhaften Region wie das Ruhrgebiet, geschrieben von engagierten Autorinnen und Autoren.

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