aus: Mitternachtsspitzen vom 26. März

mit freundlicher Genehmigung von Wilfried Schmickler

"Aufhören, Herr Becker aufhören! Mensch Becker, merken Sie denn nicht, dass die Leute schon unruhig werden? Das sind doch alles fromme Christenmenschen hier im Saal und draußen an den Geräten. Die haben heute noch was vor. Die müssen in die Ostermesse. Zur großen Auferstehungsfeier.

Was für eine Freude!

Wenn der Jüngling in dem weißen Gewande die erlösenden Worte spricht: „Fürchtet Euch nicht. Ihr suchet Jesus von Nazareth. Er ist auferstanden und nicht mehr hier.“

Im gleichen Moment volle Fest-Beleuchtung im Gewölbe, der Küster zieht sämtliche Register, lässt die Orgel pfeifen und dann alle:

„Verklärt ist alles Leid der Welt, die Gräber sind vom Glanz erhellt, der Tod hat keinen Stachel mehr, gebunden liegt das Höllenheer.“

Tja, und so leid es mir tut, da muss ich allen Gläubigen jetzt die Vorfreude auf dieses Highlight im Kirchenjahr so richtig verderben. Denn wie ich aus ungewöhnlich gut informierten Kreisen des göttlichen Bodenpersonals erfahren habe, wird das in diesem Jahr nichts mit der großen Jubelfeier anlässlich der General-Vergebung aller Schuld.

Das Problem ist nämlich, dass der Hauptdarsteller der ganzen Oster-Inszenierung ganz kurzfristig seine Teilnahme abgesagt hat. Er bleibt lieber in seiner Gruft.

Das hat natürlich erhebliche Folgen für die gesamte Liturgie. So wird heute statt der üblichen Geschichte aus dem Evangelium, Markus 16, 1-7, in der Ostermesse eine Erklärung des Messias verlesen, in der dieser ausführlich begründet, warum er sich weigert in diesem Jahr von den Toten auf zu erstehen.

Die Erklärung steht bereits im Internet unter www.schnauze-voll.de, und nachdem ich sie gelesen habe, muss ich sagen: ich kann den Mann verstehen.

Seit fast zwei Jahrtausenden macht der Gutmensch aus Nazareth zwischen Palmsonntag und Karfreitag alljährlich die Hölle durch. Vom eigenen Jünger verraten, vom engsten Vertrauten verleugnet und von bigotten Hohepriestern aufgrund zahlreicher falscher Zeugnisse zum Tode verurteilt. Und das Volk schreit: „Kreuzigt ihn“ und begnadigt satt seiner einen Schwerkriminellen namens Barrabas.

Dann rammen ihm die Folterknechte eine Dornenkrone in den Schädel, schlagen ihn mit Bambusrohren auf das Haupt und spucken ihm ins Gesicht, um ihn so besudelt und gedemütigt sein Kreuz durch die Straßen schleppen zu lassen. Dann auf Golgatha die Nägel durch Hände und Füße, der Schwamm mit dem Essig und schließlich:

„Eloi, Eloi, lama sabachtani?“

„Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“

Und warum diese ganze Tortur? Um die Menschheit, die nicht anderes im verderbten Sinn hat als das abgrundtief Böse, von ihren Sünden zu erlösen. Die Frevel zu bannen. Die Schuld abzuwaschen. Den Hass zu vertreiben.

Aber so wie der Mann, der nach der Beichte erst einmal in den Puff geht, sich den Arsch zu gießt und anschließend Frau und Kinder verprügelt, so verhält sich auch der Rest der Menschheit. Kaum sind ihre Sünden vergeben, gehen sie frisch gereinigt wieder an ihr gottloses Werk und legen die zehn Gebote in die Latrine gleich neben die diversen Erklärungen der Menschenrechte.

Kein Wunder, wenn Gottes Sohn da irgendwann einen Burn-Out kriegt.

Was hat der sich in seinem kurzen Leben auf Erden den Mund fusselig gepredigt: Nächstenliebe, Mitleid, Barmherzigkeit!

„Selig die keine Gewalt anwenden, die Frieden stiften, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn Ihnen gehört das Himmelreich.“

Wenn dieser Jesus heute die Tagesschau einschaltet, dann sieht er doch eine einzige, nicht endende Dokumentation seines Scheiterns. Die Politiker, die sich auf ihn berufen und in seinem Namen die Hartherzigkeit und verweigerte Hilfeleistung zur Maxime ihres Handelns machen: die Seehofers, Orbans und Kaczynskys, die Höckes, le Pens und wie diese Antichristen alle heißen.

Da muss der Heiland doch nur für ein paar Tage als freiwilliger Helfer in den Schlamm von Idomeni, um zu sehen, dass er auf ganzer Linie gescheitert ist. Oder er besucht die Flüchtlingslager im Libanon.

Die sogenannte westliche Welt, die die christlichen Werte vor sich herträgt wie das Stinktier das Duftwunderbäumchen, die vor Überfluss und Reichtum aus allen Nähten platzt, diese Welt macht nicht die geringsten Anstrengungen, die Millionen Kriegsflüchtlinge wenigstens mit sauberem Wasser und ausreichend Nahrung zu versorgen. Von der medizinischen Versorgung ganz zu schweigen.

Was die Christenmenschen stattdessen liefern sind Drohnen und Kampfjets, Panzer und Kanonen, Bomben und Granaten.

Und genau deshalb weigert sich der Herr Jesus Christ ab sofort die ganze Schuld der Untäter auf sich zu nehmen und bleibt in diesem Jahr frustriert in seiner Gruft. Das Grab bleibt zu. Basta. Oder wie es in der Erklärung, die heute während der Ostermesse verlesen wird, heißt:

„Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nichts zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich aber sage Euch: was ihr nicht getan habt einem meiner Geringsten, das hab ihr mir auch nicht getan. Geht weg von mir, ihr Verfluchten in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln.“

Tja, und an der Stelle ist die Kirche wahrscheinlich schon längst leer, weil die meisten Mitglieder der Gemeinde sowieso vom Glauben abgefallen sind, und außerdem haben sie morgen noch viel vor. Die goldenen Eier suchen, die fetten Oster-Braten in die Röhre schieben, den 1A Qualitätswein atmen lassen und dann zwei Tage den Herrgott einen toten Mann sein lassen.

Und der Herr ist nicht auferstanden!

Er ist wahrhaftig nicht auferstanden.

Wen interessiert’s"