Beitrag von Clemens Ronnefeld

Quelle: Zeitschrift Versöhnung - Rundbrief 1/2021 vom Internationalen Versöhnungsbund

@SoZ: zur Info eine längere Übersicht über die Afghanistan-Kriege.
Muss aktualisiert unter den Bedingungen des jetzigen Abzug-Beschlusses gesehen werden.

20 Jahre schon dauert der Afghanistan-Einsatz der NATO wie auch der Bundeswehr - und damit doppelt so lange wie der erste und zweite Weltkrieg zusammen. Zur Einschätzung der aktuellen Verlängerung des Bundeswehrmandates bis Januar 2022 lohnt ein Rückblick auf ausgewählte Ereignisse der bewegten Geschichte Afghanistans.

 

Zur Geschichte Afghanistans bis 2001

1893 wurde die nach dem britischen Diplomaten Mortimer Durand benannte 2.670 Kilometer lange Durand-Linie gezogen, die damals britisch Indien und das Emirat Afghanistan trennten.

Bis heute stellt diese Trennlinie die Staatsgrenze zwischen Afghanistan und Pakistan dar -

eine koloniale Grenzziehung mit Folgen.

Sie trennte damals - und tut dies bis heute - den bevölkerungsreichen Stamm der Paschtunen in zwei Gebiete. Heute leben etwa Zweidrittel der Paschtunen in Pakistan, ein Drittel in Afghanistan - und haben noch immer Familienbande über die Grenze hinweg.

Im Jahre 2017 sagte der frühere Präsident Afghanistans, Hamid Karzai, Afghanistan werde die Durand-Linie niemals als Staatsgrenze zweier Länder anerkennen.

Afghanistan befindet sich seit 1979 ununterbrochen im Kriegszustand, als am 24. Dezember sowjetische Truppen das Land besetzten. "620 000 sowjetische Soldaten waren von 1979 bis 1989 im Einsatz. Mindestens 15 000 Mann kamen ums Leben, über 70 Prozent wurden verwundet oder traumatisiert. Von den rund 15 Millionen Bewohnern Afghanistans wurden mehr als eine Million getötet und jeder zweite in die Flucht getrieben", bilanzierte die F.A.Z. am 3.7.2017.

Die Sowjets wollten u.a. Großgrundbesitzer enteignen und deren Ländereien unter Kleinbauern aufteilen. Was sie nicht bedachten: Diese Großgrundbesitzer waren vielfach gleichzeitig religiöse Autoritäten - deren Tötung durch sowjetische Besatzungssoldaten die Wut der Bevölkerung auf die sowjetischen Mörder lenkte.

In einem Interview in "Le Nouvel Observateur“ im Januar 1998 ging Zbigniew Brzezinski, ehemaliger nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter, auf die Vorgeschichte der sowjetischen Invasion ein, zu der er folgende Fragen beantwortete:

Frage: Der frühere CIA-Direktor Robert Gates schreibt in seinen Memoiren, dass die amerikanischen Geheimdienste den afghanischen Mudschahedin schon ein halbes Jahr vor der sowjetischen Invasion Hilfe zu leisten begannen.  Sie als damaliger Sicherheitsberater waren daran beteiligt, nicht wahr? 

Antwort: Ja. Die offizielle Version lautet, dass die CIA-Hilfe für die Mudschahedin im Laufe des Jahres 1980 einsetzte, also nach dem sowjetischen Einmarsch am 24. Dezember 1979. Die Wirklichkeit aber, das wurde bisher geheim gehalten, sah anders aus.

Am 3. Juli 1979 hat Präsident Carter die erste Direktive unterschrieben, um den Gegnern des pro-sowjetischen Regimes in Kabul still und leise Hilfe zuleisten. Am selben Tag noch habe ich dem Präsidenten geschrieben. Ich habe ihm erklärt, dass diese Hilfe meiner Meinung nach eine sowjetische Militärintervention herbeiführen würde. (…)

Frage: Als die Sowjets ihre Intervention mit der Absicht begründeten, dass sie das geheime Engagement der USA in Afghanistan bekämpfen wollten, hat ihnen niemand geglaubt. Dennoch war die Behauptung nicht ganz falsch. Bereuen Sie heute nichts?

Antwort: Was denn bereuen? Die geheime Operation war eine ausgezeichnete Idee. Das Ergebnis war, dass die Russen in die afghanische Falle gelaufen sind, und Sie verlangen von mir, dass ich das bereue? An dem Tag, an dem die Sowjets offiziell die Grenze überschritten hatten, schrieb ich Präsident Carter: Jetzt haben wir die Gelegenheit, der UdSSR ihren Vietnamkrieg zu verpassen. Und tatsächlich, fast zehn Jahre lang war Moskau gezwungen, einen Krieg zu führen, der die Möglichkeiten der Regierung bei Weitem überstieg.  Das wiederum bewirkte eine allgemeine Demoralisierung und schließlich den Zusammenbruch des Sowjetreiches.

Frage: Und Sie bereuen nicht, den islamischen Fundamentalismus unterstützt zu haben, in dem Sie künftige Terroristen mit Waffen und Knowhow versorgten?

Antwort: Was ist für die Weltgeschichte von größerer Bedeutung? Die Taliban oder der Zusammenbruch des Sowjetreiches? Einige fanatisierte Muslime oder die Befreiung Zentraleuropas und das Ende des Kalten Krieges?“

Diese Passage findet sich bei Michael Lüders, Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet, München, 5. Auflage 2015, S. 24-26.

Briten, Sowjets und auch die NATO-Staaten machten nacheinander einen gemeinsamen Fehler: Afghanistan ist eine Stammesgesellschaft mit großen regionalen Selbständigkeiten einzelner Stämme. Jeder Versuch, über eine von außen eingesetzte Zentralregierung in Kabul dieses Vielvölkerland von oben nach unten regieren zu wollen, wird vermutlich auch in Zukunft zum Scheitern verurteilt sein.

 

Zur Geschichte Afghanistans nach 2001

Als 2001 US-Truppen nach 9/1 Osama bin Laden in Afghanistan finden wollten und die Nordallianz zu ihrer Bodentruppe im Kampf gegen Taliban machte, wichen viele paschtunische Taliban-Kämpfer zu ihren Familienangehörigen und Stammesfreunden nach Pakistan aus, wo sie nicht angegriffen wurden.

Pakistan wurde von den USA als Stützpunkt gebraucht für den Kriegnachschub in Afghanistan - daher wollte die US-Regierung die pakistanische Regierung nicht zu sehr verprellen durch Bombardierungen auch auf pakistanischem Boden.

Nach der schnellen Siegverkündung über die Taliban in Afghanistan von US-Präsident George W. Bush und der zügigen Verlegung der US-Kampftruppen von Afghanistan nach Irak, wo das nächste Desaster ab 2003 begann, infiltrierten die Kämpfer aus Pakistan zurück nach Afghanistan und rieben die NATO-Truppen auf. Sie hatten die Zeit, die NATO-Soldaten die Uhren - bis heute.

Neben dem "offiziell" genannten Grund der Suche nach Osama bin Laden und den Attentätern von 9/11 gab es noch eine Reihe anderer gewichtiger Gründe vor allem für die US-Regierung zum Einmarsch in Afghanistan.

Durch Afghanistan sollte eine von Turkmenistan kommende Pipeline mit Abzweigen nach Pakistan und Indien gebaut werden, die bereits 1998 zwischen dem Taliban-Regime und dem US-Konzern Unocal vereinbart war. Lobbyist von Unocal war seinerzeit Hamid Karzai, späterer Präsident Afghanistans. Das Taliban-Regime änderte vor 2001 jedoch seine Meinung und wollte dem argentinischen Konkurrenzunternehmen Bridas den Zuschlag geben, was die US-Regierung sehr verärgerte.

Vom persischen Golf sollte eine bis heute nicht gebaute Pipeline von Iran nach Pakistan verlegt und nach Indien weiter geführt werden. Ziel der USA ist nach wie vor, dieses Projekt zu verhindern, um Iran zu isolieren, das Langzeitlieferverträge mit Indien und China geschlossen hat.

Obwohl Iran nicht an den 9/11-Anschlägen beteiligt war - im Gegensatz zu Saudi-Arabien, wo 15 der 19 Attentäter herstammten - wurde nach dem 11. September 2001 zusammen mit Irak und Nordkorea von US-Präsident George W. Bush auf die "Achse des Bösen" gesetzt.

Mit einer umfangreichen Stationierung von US-Truppen und dem Aufbau von militärischer Infrastruktur in Afghanistan sollte Iran von zwei Seiten - im Osten von Afghanistan und im Westen von Irak - in die Zange genommen werden. Weil beide Kriege in Afghanistan und Irak in einem westlichen Desaster endeten, fiel der große Krieg gegen Iran bis heute aus.

 

Zu Deutschland und der Bundeswehr

Die zunächst 500 deutschen Soldaten, die noch von der rot-grünen Regierung nach Kabul zur Unterstützung der neuen Regierung entsandt wurden, waren nicht von den US-Regierung angefordert, sondern eine freie Entscheidung der Bundesregierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder.  Durch diese Übernahme "internationaler Verantwortung" erhoffte sich die Bundesregierung damals auch, die Chancen auf einen angestrebten ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat zu erhöhen.

2001 und 2002 wurden auf dem Petersberg bei Bonn im Rahmen zweier Konferenzen die Weichen für Afghanistan nach einer Entmachtung der Taliban gestellt.

Der "Geburtsfehler" der ersten und zweiten Petersberg-Konferenz liegt darin, dass er die Machtverhältnisse in Afghanistan zugunsten der damals vermeintlichen Sieger der Nordallianz mit Tadschiken und Usbeken verschieben wollte und die damals vermeintlich geschlagenen Taliban faktisch ausschloss. Wer bei einer Neuordnung allerdings einen so großen Teil der Bevölkerung ausschließt, zahlt einen späteren Preis für diese Ausgrenzung.

Die Interessenlage der US-Regierung, die vornehmlich an der Vernichtung der Taliban interessant war und dabei auch Folter und hohe Opferzahlen unter der Zivilbevölkerung in Kauf nahm, war nicht kompatibel mit dem Versuch einiger anderer Staaten zum "nation building" - und führte letztlich den NATO-Einsatz in eine Sackgasse.

Eine Gründe für das Scheitern der Bundeswehr in Afghanistan nannte nach sechs Jahren bereits der militärpolitische Berater der Bundesregierung in Kabul, Obersleutnant Jürgen Heiducoff (2007 in einem Brief an Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier):

„Es gibt keine Entschuldigung für das durch unsere westlichen Militärs erzeugte Leid unter den unbeteiligten und unschuldigen Menschen... Ich gerate zunehmend in Widerspruch zu dem, wie die eigenen westlichen Truppen in Afghanistan agieren. (…) Es ist unerträglich, dass unsere Koalitionstruppen und ISAF inzwischen bewusst Teile der Zivilbevölkerung und damit erhoffte Keime der Zivilgesellschaft bekämpfen... Westliche Jagdbomber und Kampfhubschrauber verbreiten Angst und Schrecken unter den Menschen. Dies müssen die Paschtunen als Terror empfinden. Wir sind dabei, durch diese unverhältnismäßige militärische Gewalt das Vertrauen der Afghanen zu verlieren.... Ich stelle dabei zunehmend fest, dass die militärische Lage unzulässig geschönt dargestellt wird. Auch deutsche Generäle beschönigen oder verschweigen eigene Probleme... Das Militär droht sich zu verselbständigen und von den politischen und völkerrechtlichen Vorgaben zu lösen...“. (1)

Als Konsequenz dieser offenen und mutigen Worte wurde Oberstleutnant Jürgen Heiducoff von den militärischen Lagebesprechungen in Afghanistan ausgesperrt, vom Informationsfluss abgeschnitten und schließlich 2008 von seiner Stelle abberufen und nach Deutschland versetzt.

Im Jahre 2014 zog die Bundesregierung selbst eine ernüchternde "Zwischenbilanz des Afghanistan-Engagements". Der damalige Sonderbeauftragte des Auswärtigen Amtes bilanzierte, dass bei allen Zielen des deutschen Einsatzes "teils ganz erhebliche und schmerzhafte Lücken gegenüber dem anzustrebenden Endzustand verbleiben".

Mängel bei der demokratischen und wirtschaftlichen Entwicklung am Hindukusch, bei der Rechtsstaatlichkeit und der Einhaltung der Menschen- und Bürgerrechte sowie bei der  Sicherheitslage wurden kritisch benannt.

"Zum siebten Mal in Folge sind in einem Jahr mehr als 3000 Zivilisten an den Folgen des Krieges gestorben, Afghanistan gehöre also weiterhin 'zu den tödlichsten Gegenden der Welt für Zivilisten', wie die UN schreiben", so die Süddeutsche Zeitung am 24.2.2021.

1100 deutsche Soldaten sind derzeit in Afghanistan stationiert - und deren Mandat soll nach dem Willen der Bundesregierung mit bis zu 1300 Soldat*innen bis zum Januar 2022 verlängert werden. Nach einer deutlichen Truppenreduzierung unter dem früheren US-Präsidenten Donald Trump stellen die USA derzeit noch 2500 Soldat*innen, die Bundesregierung ist zweitstärkster Truppensteller. Ende März wird der Bundestag über die Verlängerung abstimmen.

Die Taliban verlangen die Beteiligung an einer Übergangsregierung bis zu Neuwahlen, der afghanische Präsident Ashraf Ghani lehnt dies ab.

In Doha verhandelten im Februar 2021 Unterhändler der afghanischen Regierung mit Vertretern der Taliban. "Deutschland ist dort moderierend beteiligt", schrieb die Süddeutsche Zeitung am 25.2.2021.

Diese sinnvolle diplomatischen Arbeit, an deren Ende ein Friedensabkommen zwischen Taliban und afghanischer Regierung stehen könnte, wird hoffentlich bald jegliche offiziellen Begründungen für NATO-Einsatzverlängerungen überflüssig machen.

Fazit: Schon seit langem stellt sich die Frage, ob die Stationierung von NATO-Truppen nicht Teil des Problems statt Teil einer Lösung in Afghanistan ist - und daher ein umgehender NATO-Abzug die aktuellen Friedensverhandlungen positiv beeinflussen könnte.

 

Clemens Ronnefeldt,

Referent für Friedensfragen beim deutschen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes

(1) Zeidler, Markus/Restle, Georg: „Brandbrief aus Kabul - Schwere Vorwürfe gegen westliche Militärs in Afghanistan“, Monitor vom 31. Mai 2007, www.wdr.de/tv/monitor/presse_070531.phtml